Product Compliance geht längst über die Prüfung der Marktzugangsvoraussetzungen hinaus. Sie hat eine zentrale Steuerungs- und Wertschöpfungsfunktion: Sie verbindet Produktanforderungen, Produktkonformität, Marktanforderungen und die Reaktionsfähigkeit eines Unternehmens über den gesamten Lebenszyklus. In besonders regulierten Sektoren (zum Beispiel Automotive oder Medizinprodukte) ist diese Funktion bereits seit längerer Zeit fest etabliert. Nicht zuletzt durch „Diesel-Gate“ gibt es eine Sensibilisierung für dieses Thema.
Die Verdichtung regulatorischer Anforderungen ist jedoch branchenübergreifend spürbar: von Produktsicherheit, elektromagnetischer Verträglichkeit (EMV), effektiver und effizienter Nutzung des Funkspektrums über Umwelt- und Kreislaufwirtschaft bis hin zu Cybersecurity-Pflichten – die zu erfüllenden Produktanforderungen werden zunehmend komplexer und herausfordernder umsetzbar für die Unternehmen.
Für Fachpersonen der Technischen Redaktion ergibt sich daraus: Die Technische Kommunikation ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern Bestandteil von Product Compliance und Risikokommunikation. Die wesentlichen Anforderungen fließen in die Anleitung, Warnhinweise, Kennzeichnung, Online-Produktinformationen und begleitende Dokumente ein.
Dieser Artikel ordnet den Begriff Product Compliance fachlich ein, skizziert ein Product Compliance Management System (PCMS) entlang des Produktlebenszyklus und zeigt praxisnah, weshalb Technische Redaktionen Product Compliance nicht „nur kennen“, sondern strukturell verankern sollten.
Begriffliche Einordnung
Eine einheitliche Legaldefinition für den Begriff „Product Compliance“ gibt es in den Rechtsvorschriften nicht. Der VDA (Verband der Automobilindustrie) beschreibt in seinem Gelbband „Product Compliance“ mit folgender Begriffsdefinition:
„Product Compliance bedeutet die Einhaltung der für das Unternehmen bindenden Verpflichtungen. Diese umfassen rechtliche und behördliche Vorgaben mit Relevanz für Produkte eines Unternehmens, die dieses erfüllen muss, sowie weitere Produktanforderungen (z. B. aus internen Regelungen), zu deren Erfüllung es sich entschließt. Definierte Product-Compliance-Abläufe innerhalb eines PCS [Product Compliance Systems] schaffen den Rahmen für systematische Maßnahmen und Aktivitäten zur Reduzierung des Risikos der Nichteinhaltung dieser bindenden Verpflichtungen über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg.“
Bindende Produktvorschriften sind von Herstellern und von Einführern beim Inverkehrbringen dieser Produkte in den jeweiligen Absatzmärkten (Europäische Union, Vereinigtes Königreich, China, USA, Japan, Kanada, um nur einige wichtige G20-Länder zu nennen) zwingend zu beachten. Die zweite Dimension sind Compliance-Topics, die für ein Produkt relevant sind und zunehmend die Anforderungsermittlung komplexer gestalten. Dazu einige Beispiele aus der Europäischen Union:
- der komplette Bereich der Harmonisierungsrechtsvorschriften zur CE-Kennzeichnung mit inzwischen mehr als 30 EU-Richtlinien/Verord- nungen wie zum Beispiel Spiezeug-, Medizinprodukte-, Maschinenverordnung oder EMV-, Funkanlagen- und Niederspannungsrichtlinien
- die Verordnung (EU) 2023/988 über die allgemeine Produktsicherheit
- die zunehmenden Umweltanforderungen für Produkte (zum Beispiel die neue Öko-Design-Verordnung oder Entsorgungspflichten aus der WEEE-Richtlinie)
- die stoffrechtlichen Anforderungen wie zum Beispiel REACH
- die neuen Anforderungen zur „Cybersicherheit“ aus dem Cyber Resilience Act (CRA)
- neue Anforderungen, die auf den ersten Blick nicht relevant zu sein scheinen, sollten in die Analyse einbezogen werden (Beispiel: EU-Entwaldungsverordnung)
Product Compliance umfasst Produktkonformität (Erfüllung bindender Verpflichtungen, damit ein Produkt rechtmäßig bereitgestellt werden kann) und Produktsicherheit (Erfüllung berechtigter Sicherheitserwartungen über den Lebenszyklus, unter Berücksichtigung des Stands der Technik und Wissenschaft). Diese Doppelperspektive ist für die Technische Redaktion besonders relevant, weil Technische Kommunikation typischerweise an der Schnittstelle von „Konformitätsnachweis“ und „sicherem Gebrauch“ agiert.
Ein Product Compliance Management System (PCMS) besteht nicht primär aus Dokumentation, sondern aus Verpflichtungen, Risiken, Zuständigkeiten und Nachweisen. Dokumentation ist dabei das Ergebnis, aber auch Steuerungselement: Was nicht sauber in die Technische Kommunikation übersetzt wird (zum Beispiel Sicherheitshinweise, Einschränkungen, Wartungsintervalle, Entsorgungshinweise), bleibt in der Verwendung unsichtbar und kann Compliance-Lücken aufdecken.
PCMS im Produktlebenszyklus
Ein PCMS ist weniger ein einzelnes Werkzeug, sondern ein integriertes System aus Steuerung, Prozessen, Verantwortlichkeiten, Kontrollen und Dokumentation. In der Compliance-Systematik verbindet sich das mit etablierten Denkweisen aus Managementsystemen: Die DIN ISO 37301 beschreibt das Compliance Management als Rahmen zum Entwickeln, Implementieren, Bewerten, Aufrechterhalten und Verbessern eines wirksam gelebten Compliance-Bewusstseins.
Analog dazu betont die ISO 9001 die Steuerung und Verbesserung von Systemprozessen über den Plan-Do-Check-Act-Zyklus. Ein PCMS, das entlang des Produktlebenszyklus funktioniert, folgt meist dieser Logik:
- Anforderungen identifizieren/planen, umsetzen, überwachen, korrigieren/verbessern
Steuerungsseitig ist entscheidend, dass die Verantwortlichkeiten und Ansprechpartner von Product Compliance festgelegt werden. Eine generelle rechtliche Verpflichtung zur Implementierung eines PCMS gibt es nicht, ebenso wenig, dass ein Unternehmen zwingend ein zertifiziertes Managementsystem gemäß ISO 9001 aufweisen muss. Allerdings tauchen Fälle auf, bei denen sich diese Anforderung aus einzelnen Vorschriften ableiten lässt. Beispiel: Verordnung (EU) 2023/988 über die allgemeine Produktsicherheit, Artikel 14: „Die Wirtschaftsakteure stellen sicher, dass sie über interne Verfahren zur Gewährleistung der Produktsicherheit verfügen, die es ihnen ermöglichen, die einschlägigen Anforderungen dieser Verordnung zu erfüllen.“
Das Recht schreibt nicht vor, wie ein PCMS zu gestalten ist. Entscheidend ist, dass Product Compliance über den gesamten Produktlebenszyklus nachhaltig abzubilden ist (Abb. 01).

Abb. 01 Der Produktlebenszyklus aufgeteilt in sieben Phasen. Quelle Linda Kritzler und Michael Loerzer
Was bedeutet das in der Praxis?
Anforderungen: In der Anforderungsphase erfasst ein PCMS systematisch, welche bindenden Verpflichtungen gelten. In dieser Phase sind folgende Punkte zu klären …
- Regulatorische und technische Anforderungen: Welche grundlegenden Anforderungen aus der jeweils geltenden EU-Harmonisierungsrechtsvorschrift sind relevant? Welche harmonisierten Normen oder sonstigen technischen Regeln können für die Konkretisierung der grundlegenden Anforderungen herangezogen werden? In welchen Drittstaaten soll das Produkt in Verkehr gebracht werden? Gelten dort andere (abweichende) technische Anforderungen? Welche formalen Anforderungen sind zu erfüllen (Konformitätsbewertungsverfahren: Zertifizierung? Zulassung? Genehmigungen durch Behörden erforderlich?)?
- Material Compliance: Prüfung der Gemische und Erzeugnisse, die für die Herstellung des Produkts benötigt werden, hinsichtlich besorgniserregender Stoffe; Risikoprüfung der Lieferanten; geltende Dokumentations-, Zulassungs- und Informationspflichten.
- Environmental Compliance: Recyclinganforderungen und Klärung der Rolle im Sinn der erweiterten Herstellerverantwortung sowie Registrierungs- und Meldepflichten.
Zusätzlich sind kundenspezifische Anforderungen wie vertragliche Vereinbarungen oder Zeichnungsvorgaben zu beachten.
Design: In der Designphase werden die grundlegenden Anforderungen in Produkt- und Prozessentscheidungen übersetzt:
- Werkstoffauswahl
- Sicherheitskonzepte, Risikobeurteilung und Konformitätsbewertung
- technische Unterlagen
Herstellung: In der Herstellungsphase liegt der Schwerpunkt auf Reproduzierbarkeit, Änderungsmanagement, Lieferantensteuerung und Nachweisführung. Bei Serienprodukten entsteht ein Compliance-Risiko selten durch „einmalige Fehler“, sondern durch unkontrollierte Varianten, Materialwechsel, Firmware-Updates oder undokumentierte Prozessänderungen.
Inverkehrbringen: Beim Inverkehrbringen sind Informationspflichten besonders relevant, insbesondere im Fernabsatz. Die Leitlinien zur Verordnung (EU) 2023/988 über die allgemeine Produktsicherheit (englisch: General Product Safety Regulation – GPSR) konkretisieren zum Beispiel, dass bei Onlineverkäufen oder anderen Arten des Fernabsatzes mindestens Herstellerinformationen, Produktidentifikation sowie anzugebende Warn- beziehungsweise Sicherheitsinformationen in einer für Verbraucher leicht verständlichen Sprache klar sichtbar sein müssen.
Zudem ist bei bestimmten Produkten, die schädliche Inhaltsstoffe oder andere umweltgefährdende Eigenschaften aufweisen, die erweiterte Herstellungsverantwortung zu beachten. Darunter fallen beispielsweise Batterien, Elektrogeräte und Verpackungen. Vor dem Inverkehrbringen müssen diese Produkte in den nationalen Herstellerregistern eingetragen worden sein.
Verwendung, Reparatur: In der Verwendungsphase wird Product Compliance zur „lebenden“ Funktion – Produktbeobachtung, Beschwerde- und Unfallinformationen, Korrekturmaßnahmen und Aktualisierungen. Das „Safety Gate“ (ehemals RAPEX) dient dabei als EU-Schnellwarnsystem für gefährliche Non-food-Produkte. Die Plattform ermöglicht einen schnellen Informationsaustausch zwischen den Behörden. Reparaturanforderungen gelten hier ebenfalls. Gemäß der „Recht auf Reparatur“-Richtlinie (EU) 2024/1799 sind für relevante Produkte Informationen über Reparaturdienstleistungen in leicht zugänglicher, klarer und verständlicher Weise kostenlos bereitzustellen.
Sammlung, Rücknahme: Am Ende des Produktlebenszyklus gewinnen Rücknahme-, Sammel- und Kennzeichnungsinformationen an Bedeutung. Die durchgestrichene Abfalltonne der WEEE-Richtlinie 2012/19/EU oder die Batterieverordnung (EU) 2023/1542 sind hier exemplarisch: Sie markieren die Pflicht zur getrennten Sammlung.
Recycling & Abfall: Zuletzt sind Recyclinganforderungen und das Abfallmanagement zu beachten. Rechtsakte enthalten zunehmend Anforderungen in Form von Recyclingquoten. Produkte sind so zu entwickeln, dass sie oder die Rohstoffe wiederverwendet oder wiederverwertet werden können – „design for recycling“. Zu Beginn des Produktlebenszyklus ist die Auswahl der einzusetzenden Rohstoffe für das Ende des Zyklus zu bedenken.
Rolle der Technischen Redaktion
Die Technische Redaktion ist am stärksten dort mit Product Compliance verzahnt, wo aus Anforderungen „benutzbare Information“ wird. Der Brückenschlag gelingt besonders gut, wenn Technische Dokumentation als Teil des Produktsystems verstanden wird: Nicht nur als separate Publikation, sondern als Risiko- und Gebrauchsschnittstelle, die Verhalten der Anwender vorhersieht und steuert.
Regulatorisch wird die Schnittstelle an drei besonders praxisrelevanten Punkten deutlich:
- Die Technische Redaktion wirkt an der Erfüllung der Informationspflichten mit, die als Marktzugangsvoraussetzungen auftreten. Die GPSR-Leitlinien nennen ausdrücklich die Warnhinweise und Sicherheitsinformationen, die am Produkt/auf der Verpackung/als Begleitdokument beizufügen sind.
- Die Dokumentationsorganisation entwickelt sich zur Compliance- Organisation. Die bindenden Product-Compliance-Rechtsakte halten fest, dass die Technische Dokumentation aktuell zu halten (zum Beispiel bei Änderung der Produktkomponenten) und aufzubewahren ist. Zudem muss sie den Marktüberwachungsbehörden auf Anfrage vorgelegt werden können. Für Technische Redaktionen ist das ein starkes Argument, Dokumentenlenkung, Versionierung, Übersetzungs-/ Sprachvarianten und Freigabeprozesse als Teil des PCMS zu definieren.
- Die Technische Kommunikation beeinflusst Haftungs- und Streitfallrisiken. Bereits die Produkthaftungsrichtlinie 85/374/EWG bewertete die Sicherheit eines Produktes unter Berücksichtigung der Produktdarstellung. Die neue Produkthaftungsrichtlinie (EU) 2024/2853 (gilt ab 9. Dezember 2026) benennt nun explizit die Anleitungen für Montage, Installation, Gebrauch und Wartung, wie auch die Kennzeichnung als Teil der Beurteilungsgrundlage zur Fehlerhaftigkeit eines Produkts (Artikel 7).
Damit wird die Technische Redaktion – unabhängig davon, ob sie formell der Entwicklung, dem Produktmanagement, der Qualität oder dem Compliance-Bereich zugeordnet wird – zu einer mitverantwortlichen Instanz von Product Compliance.
Relevanz für die Redaktion
Der wesentliche Grund ist nicht „zusätzliche Arbeit“, sondern Risikoreduktion durch Anschlussfähigkeit: Wer PCMS versteht, kann die Technische Kommunikation so gestalten, dass sie regulatorisch vollständig, für Nutzer handlungsbefähigend und im Änderungsfall effizient aktualisierbar ist.
Ein zweiter Grund ist die Geschwindigkeit: Rechtsakte sind dynamisch. Sie wirken zunehmend in die Nutzung hinein (Aktualisierungen, Reparatur- oder auch Nachhaltigkeitsinformationen). Der „Blue Guide“ adressiert explizit Aspekte wie die Umgestaltung eines Produktes oder Software-Updates. Das sind genau die wesentlichen Änderungen, die klassische Handbücher oft „spät“ erreichen, wenn es keine systematische Schnittstelle zwischen Änderungsmanagement und Technischer Redaktion gibt.
Ein dritter Grund ist die mediale Verschiebung: Compliance-Informationen werden zunehmend nicht nur im PDF-Handbuch erwartet, sondern im Online-Angebot, im QR-Code-Zugriff oder im Digitalen Produktpass (DPP). Die Ökodesign-Verordnung (EU) 2024/1781 schafft hierfür beispielsweise einen Rahmen, um Produkt- und Umweltinformationen über den Lebenszyklus bereitzustellen. Schließlich ist ein PCMS ein Instrument zur Zusammenarbeit. Eine Technische Redaktion, die sich in Product-Compliance-Begriffen ausdrücken kann, entwickelt sich vom „Textlieferanten“ zum Partner für Freigabe-, Risiko- und Marktzugangsprozesse.
Praktische Anwendung
Einige Beispiele für die redaktionelle Schnittstelle:
- Ein praxisnahes Beispiel ist der Fernabsatz. Die GPSR-Leitlinien verlangen, dass ein Online-Angebot Produktidentifikation und „etwaige Warnhinweise oder Sicherheitsinformationen“ in einer für Verbraucher leicht verständlichen Sprache klar sichtbar enthält. Die Technische Redaktion muss Warnhinweise nicht nur im Handbuch platzieren, sondern für Online-Auftritte aufbereiten (zum Beispiel standardisierte Warntexte, Piktogrammset, Sprachvarianten), inklusive konsistenter Terminologie über Vertriebskanäle hinweg.
- Die Dokumentationspflege nach dem Inverkehrbringen – die Product- Compliance-Rechtsakte fordern, dass die technischen Unterlagen aktuell bleiben sollen und für einen langen Zeitraum (meist zehn Jahre ab dem Inverkehrbringen) vorhaltbar sein müssen. Zusätzlich sollen gemäß den GPSR-Leitlinien aber auch dem Prinzip der „internen Fertigungskontrolle“ (Modul A gemäß Beschluss 768/2008/EG) folgend interne Prozesse existieren, damit Serienprodukte konform bleiben (zum Beispiel Qualitätskontrollen, geschultes Personal und Verfahren bei Beschwerden/Unfällen). Redaktionell ist das der Ansatzpunkt für ein Produktdatenmanagementsystem: Versionshinweise, Aktualisierungsauslöser aus Reklamationsprozessen, klare Zuordnung von Produktversionen zu Dokumentständen sowie ein Verfahren, um aktualisierte Sicherheitsinformationen zu publizieren und zu verteilen.
- Rücknahme- und Entsorgungsinformation – das WEEE-Symbol signalisiert getrennte Sammlung. Die Bedeutung des Symbols ist Nutzern in privaten Haushalten zu übermitteln. Die Technische Redaktion übersetzt hier Compliance in Verhalten: Wo sind Abgabestellen, was ist getrennt zu entsorgen, welche Vorbereitung (zum Beispiel Datenlöschung, Batterieentnahme) ist erforderlich, welche regionalen Unterschiede sind zu beachten. Das WEEE-Symbol ist nach EU-Hinweisen auf entsprechenden Elektroprodukten im EU-Markt anzubringen. Aber auch die nationale Registrierungsnummer ist gemäß Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) beim Anbieten und auf Rechnung anzugeben.
- Die Richtlinie (EU) 2024/1799 über das Recht auf Reparatur zielt auf bessere Vergleichbarkeit und Transparenz von Reparaturdienstleistungen, zum Beispiel über standardisierte Darstellung von Basisinformationen ab. Für Technische Redaktionen entsteht ein neues Feld an Informationsobjekten: Reparatur-Informationsblätter, Servicekontakte oder auch Wartungsinformationen.
- Der Digitale Produktpass – die Ökodesign-Verordnung schafft den Rahmen für digitale Produktpässe und das Bewusstsein für Nachhaltigkeitsanforderungen entlang des Lebenszyklus. Für die Technische Redaktion bedeutet das, Anleitungsinhalte, Nachhaltigkeits- und Materialinformationen, Angaben zur Reparatur oder Pflegehinweise können (je nach delegierten Rechtsakten) nicht nur „Text im Handbuch“ sein. Es kann sich auch um strukturierte, referenzierbare Informationseinheiten handeln, die über QR-Codes und damit verknüpfte Plattformen auffindbar sein müssen.
Einordnung und Bewertung
Ein leistungsfähiges PCMS ist ein Lebenszyklus-System – und die Technische Redaktion ist darin kein nachgelagerter „Output-Kanal“, sondern eine Schnittstelle, die Compliance überhaupt erst nutzbar macht. Wer Product Compliance als redaktionelle Kompetenz versteht, stärkt Marktzugang, reduziert Haftungs- und Rückrufrisiken und erhöht zugleich die Qualität der Nutzerinformation: präziser, konsistenter, update- fähig.
Literatur zum Artikel
DIN ISO 37301:2021-11 Compliance-Managementsysteme – Anforderungen mit Leitlinien zur Anwendung (ISO 37301:2021)
ISO 37302:2025-07 Compliance management systems – Guidance for the evaluation of effectiveness
Bekanntmachung der Kommission Leitfaden für die Umsetzung der Produktvorschriften der EU 2022 („Blue Guide“), Amtsblatt der Europäischen Union, Teil C, 29.6.2022 (C/2022/3637)
Bekanntmachung der Kommission – Leitlinien zur Anwendung des EU-Rechtsrahmens für die allgemeine Produktsicherheit durch Unternehmen, Amtsblatt der Europäischen Union, Teil C, 21.11.2025 (C/2025/6233)
Böhm, M./Dammholz, F./Kritzler, L./Loerzer, M. (erscheint 2026): Product Compliance Management – Praxishandbuch, Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Ketelsen, W.; Scherer, J. (2022): Integriertes Technical- Product-Compliance-Managementsystem mit GRC – Wesentlicher Baustein für Risikomanagement, Resilienz und Nachhaltigkeit (ESG / CSR), Bavarian Journal of Applied Sciences, Special Issue 2022.
VDA-Gelbband Product Compliance Band 1: Product Compliance System, 1. Auflage, 2023.

