Das Dingsda!

Text: Steffen-Peter Ballstaedt

Die Technische Kommunikation ist historisch in eine breite kulturelle Tradition eingebettet mit Bezügen zu Philosophie, Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Heute: Bezeichnungen.

Inhaltsübersicht

Lesedauer: 02:25 Minuten

Wir beziehen uns in der Kommunikation auf Gegenstände und Ereignisse, indem wir sie benennen. Theoretisch präzise ausgedrückt: Wir verwenden Wörter, um Begriffe und Vorstellungen zu bezeichnen, nicht die Gegenstände selbst. Das beweist etwa die Tatsache, dass wir Wörter für Dinge verwenden, die es in der Wirklichkeit gar nicht gibt, zum Beispiel das Einhorn oder fiktive Objekte in einem Science-Fiction-Roman.

Ohne Worte

Die Erfahrung, dass wir einen Begriff im Gehirn aktiviert haben, aber das Wort dazu nicht einfällt, hat schon jeder einmal gemacht. Diese Erscheinung wird als „Es-liegt-mir-auf-der-Zunge-Phänomen“ bezeichnet. Oft retten wir uns dann in der Kommunikation mit einer Umschreibung: „Das Dingsda!“ Es gibt aber auch den Fall, dass ein derartiges Ding tatsächlich noch keine eingeführte Bezeichnung hat. Ein häufig zitiertes Beispiel aus Lehrbüchern ist der etwa 30 cm lange Stab, mit dem auf dem Förderband zur Kasse die Einkäufe getrennt werden. Verbreitet ist Warentrenner, eine passende Bezeichnung, da sie die Funktion mitteilt. Andere Bezeichnungen: Warentrennstab oder Kassentrenner. Dialektal im Niederdeutschen auch Miendientje, also Meindeinchen. Ein aktuelleres Beispiel: Auf der Computertastatur befindet sich auf den Buchstaben F und J eine erhabene Stelle. Diese Markierungen dienen zur Orientierung, damit man ohne hinzuschauen weiß, wo sich die Finger gerade befinden. Aber wie nennt man diese Erhebungen? Die Tasten heißen passend „Orientierungstasten“, die Erhebungen „Fühlpunkte“ oder plastischer „Fühlwarzen“. Und wie heißt das Drahtgeflecht um einen Sekt- oder Champagnerkorken?

Ein Sektkorken und der Drahtkäfig, der ihn in der Flasche hält. Der Drahtkäfig wird Agraffe genannt.
Abb. 01 Damit der Korken in der Flasche bleibt, sichert ihn ein Drahtkäfig. Er wird Agraffe genannt und hat oben einen Bügel oder einen Deckel. Agraffe hat auch eine technische Bedeutung und bezeichnet ein hakenförmiges Verbindungselement zur Befestigung von Fassadenplatten. Quelle Wikimedia Commons.

Fachwörter einführen

In der Technischen Kommunikation müssen immer wieder Erfindungen, Gerätekomponenten oder Verfahren benannt werden, um sich in der Kommunikation eindeutig auf sie zu beziehen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. [1,2]

  • Terminologisierung: Ein Wort der Alltagssprache wird übernommen, aber in exakter, meist eingeschränkter Bedeutung: Zahn (im Zahnrad), Lager (als Maschinenelement), Schubschnecke, Maus (als Eingabegerät).
  • Kompositum: Man setzt aus vorhandenen Morphemen ein neues Wort zusammen, eine in der deutschen Sprache beliebte Möglichkeit, die allerdings zu langen Wortungetümen führen kann: Ultrakurzwelle, Hochspannungsleitung, Fußgängerbedarfslichtanlage.
  • Lehnwort: Man holt sich ein Wort aus einer anderen Sprache, derzeit ist das meist Englisch: Download, Software, Input.
  • Ableitung: Aus einem Stammwort werden mit Präfixen und Suffixen neue Wörter gebildet: Entsorgung, viskös, Verbindung.
  • Neuschöpfung (Neologismus): Man kann ein völlig neues Wort kreieren: Handy, Metaversum, besonders beliebt bei Produktbezeichnungen: Persil, Volvo, Twingo.

Verständliche Bezeichnungen

Die Wahl des jeweiligen Wortes ist auch ein Problem der Verständlichkeit. Lehnworte sind nur verständlich, wenn man die Herkunftssprache kennt, sonst muss man sie lernen. Das gilt auch für Neuschöpfungen. In eine Terminologie übernommene Alltagswörter müssen in der exakten Bedeutung gelernt werden, etwa in der Physik: Kraft, Spannung, Beschleunigung. Weniger Probleme machen Ableitungen und Komposita. Komposita sind besonders verständlich, wenn sie die Funktion einer Komponente angeben: Sicherungsblech, Lautstärkeregler, Dichtungsring.

Literatur zum Artikel

[1] Ballstaedt, Steffen-Peter (2019): Sprachliche Kommunikation: Verstehen und Verständlichkeit. Tübingen: Francke.
[2] Arntz, Reiner/Picht, Heribert/Mayer, Felix (2009): Einführung in die Terminologiearbeit. Hildesheim: Georg Olms Verlag.