In der letzten Ausgabe haben wir uns Topics aus sprachlicher Sicht angesehen. [1] Ein Punkt, der dabei manche überrascht haben mag, ist, dass gar nicht so leicht zu bestimmen ist, was ein Topic ausmacht. Doch das Problem geht weiter: Wie kommt man vom Topic zum Text? Reicht es aus, Topics einfach zu kombinieren, oder braucht es mehr, damit ein Text daraus wird?
Vom Teil zum Ganzen
Was macht einen Text aus? Ähnlich wie bei Topics scheint die Antwort auf der Hand zu liegen: Ein Text ist ein längeres Stück geschriebener Sprache, das sich um einen gemeinsamen Inhaltskern dreht. So ließe sich eine vorläufige Definition versuchen. Allerdings kommen auch hier schnell Fragen auf. Was heißt eigentlich länger? Vermutlich länger als ein Satz, aber wie lang ist lang genug? Mehr als 200 Wörter?
Oder reichen vielleicht schon 50 Buchstaben? Ein Haiku, die beliebte japanische Gedichtform, besteht aus 17 Silben. Geht man davon aus, dass eine Silbe im Durchschnitt drei Buchstaben hat, dann sind 50 Buchstaben offensichtlich genug für einen Text. Trotzdem würden wir vermutlich keine Regel festlegen wollen, dass alles Geschriebene, was länger als 50 Zeichen ist, als Text gelten kann. Auch die Frage, ob ein Text geschrieben sein muss, lässt sich gar nicht so eindeutig beantworten. Wenn Texte unbedingt geschrieben sein müssten, dann kämen wir in die seltsame Situation, dass eine Rede als Manuskript ein Text ist, aber kein Text, sobald sie gehalten wird. Dasselbe gälte etwa für Dramen, Radioskripte oder auch Chatbots.
Was einen Text ausmacht
Damit wären zwei von drei Kriterien fraglich, die man im Allgemeinen bei Texten als zwingend ansieht. Was bleibt also? Ist ein Text einfach ein Stück Sprache, das ein gemeinsames Thema hat? Ja, das macht einen Teil einer Textdefinition aus. Aber nicht alles. Zum Glück haben sich deutlich schlauere Menschen als ich den Kopf zerbrochen, was einen Text zum Text macht, und sie sind dabei zu einer ganzen Reihe von Kriterien gekommen. Und manche dieser Kriterien haben auch Auswirkungen auf Technische Dokumentationen. Denn eines ist klar: Ein paar aneinandergefügte Topics ergeben noch keinen Text.
Ein Beispiel: Der folgende „Text“ dreht sich um ein (fiktives) Gerät. Aber obwohl an der Oberfläche alles zueinanderpasst, ergibt es keinen Sinn: „Der Drillmeister 3000XL ist die bahnbrechende Innovation auf dem Heimwerkermarkt. Gefahr: Den Drillmeister nie in nassen Umgebungen verwenden. Akku-Bohrgeräte wie der Drillmeister 3000XL können einen Beitrag zum Umweltschutz leisten.“
Warum wirkt dieses Textstück so unzusammenhängend, obwohl es ja immer um den Drillmeister geht? Das Problem sind die Handlungen, die wir mit den einzelnen Sätzen ausführen, also was wir jeweils mit dem Satz beabsichtigen. Wir bewegen uns hier vom Anpreisen über das Warnen zum Informieren. Alle Sätze würden zwar im richtigen Kontext funktionieren; so kombiniert lassen sie für die Lesenden aber keine vernünftige Absicht erkennen.
Neben einem gemeinsamen inhaltlichen Kern und formalen grammatischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Textteilen braucht ein Text deshalb auch aufeinander aufbauende Handlungsstrukturen.
Inhaltskern, textgrammatische Beziehungen und Handlungsstruktur sind die wichtigsten Textkriterien. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Kriterien, die einen Text zum Text machen. Die Kriterien werden wir uns in einer der nächsten Ausgaben genauer anschauen. Heute wollen wir uns aber noch überlegen, welche Auswirkungen die Textkriterien auf Topics haben.
Text in der Technischen Redaktion
Aus Sicht der Technischen Redaktion stellen die Kriterien, die einen Text ausmachen, besondere Anforderungen, wenn es um Topics geht. Die grammatischen Beziehungen, die Textteile miteinander verknüpfen, lassen sich nur sehr eingeschränkt über Modulgrenzen hinweg anlegen. Texte, die aus Topics entstehen, sind deshalb weniger eng zusammenhängend, als es vergleichbare Texte wären.
Ein Stück weit wird dies durch eine vergleichsweise kleingliedrige Binnenstruktur ausgeglichen. Wenn aus Topics Anleitungen entstehen, so sind die jeweiligen Kapitel stark in Unterkapitel zerteilt. Es gibt eigentlich keine längeren Einheiten, die am Stück gelesen werden können oder müssen. Das kommt dem Leseinteresse und den Gewohnheiten der Nutzer und Nutzerinnen durchaus entgegen. Denn im Allgemeinen wollen sie eher eine Information nachschlagen als ein Thema im größeren Zusammenhang und in der Tiefe verstehen.
Topics zu einer Handlungsstruktur zusammenzuführen, ist dagegen nicht ganz so einfach. Damit zumindest eine grundlegende Art von Zusammenhang entstehen kann, muss ein Topic „wissen“, welche Sprechhandlung damit verbunden sein soll. Eine grobe Klassifizierung nach „action“ oder „example“ wird dafür nicht ausreichen. Es gilt deshalb, eine feinere Klassifikation an Sprechhandlungen zu entwickeln und dem Topic als Metadatum mitzugeben. Denn nur dadurch lässt sich für ein Topic weitgehend automatisiert entscheiden, in welchem Kontext es eingesetzt werden kann.
Vom Teil zum Text
„Textualitätskriterien“ klingen zunächst einmal nach einer akademischen Fingerübung. Im Alltag wissen wir intuitiv, was ein Text ist und was nicht. Die Technische Redaktion hat aber Aufgaben, die ein hohes Maß an Abstraktions- und Analysefähigkeit erfordern. Nur dann lassen sich flexibel einsetzbare, topicorientierte Content-Bestände aufbauen.
Durch bloßes Aneinanderreihen von Topics entstehen keine gut nutzbaren Texte. Und wenn für eine Anleitung jedes Topic einzeln „in die Hand genommen werden muss“, dann ist der Vorteil eines flexiblen Datenbestands schnell verspielt. Ein solides Verständnis davon, was einen Text ausmacht, ist deshalb die Basis für eine qualitativ hochwertige Technische Dokumentation.
Literatur zum Artikel
[1] Nickl, Markus (2025): Alles Topic – oder was? In: technische kommunikation, H. 5, S. 24–25.

