Es ist eigentlich schon erstaunlich: Kein anderer grammatischer Fall stößt auf so viel Kritik wie der Genitiv. Eigentlich sollte aber ein Kasus neutral sein. Warum wird also der Genitiv immer wieder zum Thema? Welche Kritikpunkte gibt es und wie lässt sich mit ihnen in der Technischen Redaktion am besten umgehen? In diesem Artikel wollen wir uns den Problemfall Genitiv einmal genauer ansehen.
Fast verschwunden?
Beginnen wir mit der ersten Auffälligkeit. Immer wieder hört man zwei widersprüchliche Meinungen: Zum einen, dass der Genitiv fast ausgestorben oder zumindest schwer bedroht sei. Und zum anderen, dass der Genitiv zu häufig verwendet wird und ein Problem in der Kommunikation darstellt. Wer hat nun recht? Erstaunlicherweise stimmt beides. Um das zu erklären, müssen wir grammatisch etwas in die Tiefe gehen. Denn der Kasus Genitiv wird im Wesentlichen in drei verschiedenen Funktionen eingesetzt. Erstens als Objekt und unabhängiges Satzglied, dann zweitens als Teil einer Präpositionalfügung und zum Dritten als eine Möglichkeit, Attribute zu bilden. Für jede dieser Funktionen sieht die Antwort auf unsere Frage weiter oben ganz anders aus.
Bei der Funktion als Objektkasus ist die Situation ziemlich eindeutig. Genitivobjekte (bzw. -ergänzungen) kommen nur noch in wenigen Ausnahmefällen vor, und diese klingen meist formell oft sogar altertümlich: „sich einer Sache bemächtigen“, „eines Unglücksfalls gedenken“, „einer genauen Planung bedürfen“. Formulierungen mit einem Genitivobjekt waren im Mittelhochdeutschen noch vergleichsweise häufig, aber das Deutsche hat sich seitdem stark verändert. Für die Technische Redaktion sind Genitivobjekte eher ein Warnzeichen, weil sie zeigen, dass der Stil des Textes formell oder gestelzt ist.
Deutlich zu viel?
Bei Präpositionalfügungen ist das Bild eher uneinheitlich. Zur Erinnerung: Präpositionen erzwingen (vereinfacht gesagt) einen bestimmten Fall für das nachfolgende Substantiv. Typischerweise fordern Präpositionen den Dativ oder Akkusativ, zum Beispiel in, vor, neben. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Präpositionen, die ursprünglich aus anderen Wortarten entstanden sind, so genannte Sekundärpräpositionen. Von diesen Sekundärpräpositionen fordern viele den Genitiv: angesichts, dank, vermittels. Auch bei diesen Präpositionen merkt man, dass Fügungen, die daraus gebildet werden, formell, bürokratisch oder technisch klingen.
Bleibt noch der Attributskasus. Hier geht es darum, dass ein Substantiv durch ein weiteres Substantiv im Genitiv erweitert wird: „die Demontage des Geräts“, „Pythons bekannteste Libraries“. Das Genitivattribut kann dabei vor oder nach dem Substantiv stehen, das es ergänzt. Solche Genitivattribute sind in der geschriebenen Sprache durchaus häufig. Problematisch sind diese Fügungen vor allem, wenn Genitivattribute durch weitere Genitivattribute erweitert werden und es dann zu schwer überschaubaren Kettenbildungen kommt: „Die maximale Geschwindigkeit der Bearbeitung der angepassten Werkstücke der neuen Linie …“
Was stimmt nun …?
Wie schon angedeutet, stimmen beide Einschätzungen. Der Genitiv stirbt im Deutschen aus, allerdings tut er das schon seit Jahrhunderten. Er ist aber weiterhin beliebt in Attributen und wird bei einer ganzen Reihe von Präpositionen gefordert – soweit die Fakten. Erstaunlich ist aber auch, dass in der Öffentlichkeit immer wieder zwei konträre Forderungen zum Genitiv zu finden sind. Einerseits wird bedauert, dass der Genitiv ausstirbt („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ – Sie erinnern sich). Andererseits wird kritisiert, dass zu viel Genitiv verwendet wird und die entsprechenden Konstruktionen schwer verständlich sind.
Auch dieser scheinbare Widerspruch lässt sich erklären. Genitiv wird tendenziell eher in formalen, gehobenen Kontexten eingesetzt: Wissenschaft, Behörden, altertümliche Sprache. Das sind nicht unbedingt die Domänen, in denen traditionell Wert auf hohe Verständlichkeit gelegt wird. Deshalb die Kritik am Übermaß.
Gleichzeitig sind diese Kontexte aber ein Zeichen von Bildung und Status. In der Alltagssprache wird hingegen eher der Dativ verwendet. Da aber immer mehr Menschen umgangssprachlich und unkompliziert kommunizieren wollen, empfinden manche das als eine Verflachung des Niveaus. Deshalb die Kritik am Sterben des Genitivs.

