Das geht zu weit

Text: Markus Nickl

Wer verständliche Technische Kommunikation erstellen will, kommt am Minimalismus nicht vorbei. Konsequent angewandt, erhält eine Zielgruppe nur die Informationen, die sie tatsächlich benötigt, ohne zusätzlichen Ballast. Doch Minimalismus hat so seine Tücken, die es zu kennen gilt.

Inhaltsübersicht

Lesedauer: 03:38 Minuten

Minimalismus erhöht Usability und Verständlichkeit und birgt gleichzeitig die Gefahr, Informationsprodukte unbenutzbar zu machen. Mit diesem Paradox haben wir uns in der vergangenen Ausgabe der ‚technischen kommunikation‘ beschäftigt. [1]

Die Lösung liegt in einem Abgleich zwischen den Bedürfnissen der Zielgruppen, den eigenen Kommunikationsziele und dem Zusammenspiel der Informationsangebote. Doch wie sehen die verschiedenen Fälle aus, wenn Minimalismus über das Ziel schießt? Sehen wir uns in dieser Ausgabe unterschiedliche Beispiele an.

Minimalismus versteckt Informationen

Eine Maxime des Minimalismus ist es, eine möglichst aufgeräumte Oberfläche anzubieten. Dazu werden Funktionalitäten gruppiert und aus dem unmittelbaren Sichtfeld der Benutzer entfernt, indem sie in untergeordnete Funktionseinheiten verlagert werden. Das ist zum Beispiel bei Microsoft Word geschehen, als die menüorientierte Benutzerführung zugunsten der Ribbon-Bedienung aufgegeben wurde. Für Benutzer entsteht durch diese Vorgehensweise im Idealfall eine aufgeräumte Oberfläche, in der sie sich schnell zurechtfinden können.

Allerdings hat dieses Vorgehen auch ein paar Tücken. Denn oft lassen sich Funktionalitäten logisch mehreren Rubriken zuordnen. Also wird immer ein Teil der Nutzer Funktionalitäten nicht dort finden, wo sie sie erwarten. Das Problem lässt sich mit einer leistungsfähigen Suche umgehen. Allerdings muss dazu eine eindeutige und erwartbare Benennung der Funktionalität vorliegen oder die Suche muss alternative Bezeichnungen bewältigen können. Egal, welche Lösung man wählt: Ohne einiges an Denkaufwand und Unterstützungsangeboten kann das Aufräumen schnell zum Verstecken werden. Die Folge sind dann Desorientierung und umständliche Bedien­abläufe.

In der Technischen Redaktion stellen sich ähnliche Entscheidungen. Welche Information soll in welchen Kapiteln auftauchen und mit welchen Überschriften versehen werden? Sogar Topic-orientiertes Schreiben bietet in diesem Fall keinen Ausweg aus dem Dilemma. Es verlagert lediglich die Entscheidung vom Zeitpunkt der Erstellung des Inhaltsbausteins hin zur Zusammenstellung und Publikation des Informationsprodukts. Auch bei Technischer Dokumentation hilft hier allerdings – neben einer klaren Vorstellung von den Erwartungen der Zielgruppe – eine leistungsfähige Suche und eine Verschlagwortung mit alternativen Suchbegriffen und strukturierten Metadaten.

Minimalismus verschweigt Dinge

Neben dem Sortieren der Funktionalitäten und Informationen ist ein weiteres Prinzip des Minimalismus, Informationen so weit wie möglich zu abstrahieren. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht an die Webseiten der Neunziger. Auf den Seiten leuchteten dreidimensionale OK-Buttons. Wirklich angenehm war das nicht zu lesen. Indem minimalistisches Design solche Buttons auf einige wesentliche Elemente reduziert hat, hat es einiges für die Benutzbarkeit erreicht. Heute sind „Buttons“ nicht mehr als Schaltknöpfe zu erkennen, sondern oft nur noch Text mit einer Umrandung. Allerdings kann es vorkommen, dass die Abstrahierung zu weit getrieben wird. Dann sind Interaktionselemente nicht mehr als solche zu erkennen oder nur schwer. Beispielsweise kann eine Schaltfläche ein einfacher Text sein ohne weitere Hinweise, dass sich hier eine Aktion auslösen lässt.

Betreffen solche Tendenzen auch die Technische Redaktion? Durchaus! Ganz unmittelbar natürlich, wenn es um die Gestaltung interaktiver Anleitungen geht. Hier bestehen dieselben Gefahren wie bei anderen Web-Angeboten auch. Darüber hinaus stellt sich das Problem in anderen Bereichen. Abstrahierung ist zum Beispiel ein Prinzip bei der Bebilderung von Anleitungen. Der Trend geht dahin, fotorealistische Abbildungen zu vermeiden und auf Strichzeichnungen zurückzugreifen. In vielen Fällen sind Strichzeichnungen durch die Reduktion auf die Form des Dargestellten tatsächlich leichter zu verstehen. Allerdings können Fälle auftreten, in denen zum Beispiel die Farbe oder Oberflächenbeschaffenheit eines Produkts wichtig ist. Dann führen Strichzeichnungen im Vergleich zu fotorealistischen Abbildungen zu Unsicherheiten bei der Bedienung des Geräts.

Minimalismus enttäuscht Erwartungen

Abstrahierung kann außerdem dazu führen, dass gewohnte Erwartungen enttäuscht werden. Minimalistisches Design versucht zum Beispiel, so genannte skeuomorphe Symbole zu vermeiden, also Symbole, die einem realen Gegenstand ähneln. Der Nachteil solcher Symbole ist, dass sie veralten können und darüber hinaus Informationen vermitteln, die mit der eigentlichen Funktion nichts zu tun haben.

Ein Beispiel ist das Diskettensymbol für die Speichern-Funktion. Häufig wird das Argument vorgebracht, dass jüngere Nutzer Disketten gar nicht mehr kennen und das Symbol deshalb für sie nicht verstehbar ist. Allerdings haben Jüngere durchaus gelernt, dass dieses Symbol für Speichern steht. Der reale Gegenstand ist für sie irrelevant. Wir Älteren machen uns ja auch keine Gedanken darüber, dass das kaufmännische Und („&“) ursprünglich aus einer Verschmelzung der Buchstaben e und t für Lateinisch „et“ (und) entstanden ist. Trotzdem verstehen wir das Zeichen.

Es ist also nicht entscheidend, ob ein Symbol einem Gegenstand aus der Wirklichkeit ähnelt. Vielmehr geht es darum, wie leicht das Symbol in dem Kontext verständlich ist und wie verbreitet das Symbol ist. Denn ob umgekehrt ein Quadrat, das von einem Pfeil durchbrochen wird, wirklich besser verständlich ist als das etablierte Diskettensymbol, wage ich zu bezweifeln.

Aufräumen, Abstrahieren, Reduzieren: Die Verfahren des Minimalismus sind mächtige Werkzeuge, um eine bessere Verständlichkeit und Nutzbarkeit von Informationsprodukten zu erreichen. Dennoch gilt es, genau abzuwägen, wie weit man diese Verfahren treiben will. Denn „möglichst weit“ liegt nahe bei „zu weit“. Und dann schlägt der Vorteil des Minimalismus in sein Gegenteil um.

Literatur zum Artikel

[1] Nickl, Markus (2025): Weniger ist nicht immer verständlicher. In: technische kommunikation, H. 2, S. 28–29.

Eine Person versucht einen vollen Koffer zu schließen.