Wie geht Karriere heute eigentlich? Und was bedeutet Erfolg in einer Welt, die sich rasanter verändert, als unsere alten Rollenbilder greifen können? Leider versuchen wir als Frauen oft, in einer Arbeitswelt wirksam zu sein, die nie für uns entworfen wurde. Dieser Artikel ist ein Plädoyer, damit aufzuhören, sich anzupassen und stattdessen die eigene Definition von Erfolg ins Zentrum zu stellen.
Schweigen als Symptom
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, in beruflichen Situationen immer wieder eine Chance zu verpassen? Sie sitzen in einem Meeting, die Argumente fliegen hin und her, und eigentlich hätten Sie einen entscheidenden Einwand oder eine völlig neue Perspektive einzubringen. Doch Sie bleiben still. Nicht, weil Ihnen die Kompetenz fehlt, sondern weil eine feine, innere Stimme flüstert, Ihr Beitrag würde „nicht passen“ oder Sie seien „nicht durchsetzungsstark genug“.
Wir kennen dieses Gefühl nur zu gut. Und wir sind überzeugt: Dieses Schweigen ist keine individuelle Unsicherheit. Es ist das Symptom einer tiefen Diskrepanz zwischen dem, wer ich bin, und dem, wie Erfolg in unserer Gesellschaft über Jahrzehnte definiert wurde. Wir sollten uns fragen: Wie lange wollen wir uns noch verbiegen, anpassen oder verstecken, nur um uns in bestehende Strukturen einzufügen?
Wer diktiert eigentlich die Regeln?
Wenn wir uns fragen, was Erfolg eigentlich ist, müssen wir erkennen: Die traditionelle Definition von Erfolg ist über viele Jahrhunderte gewachsen. Sie ist auch ein Relikt der industriellen Revolution, in der Arbeit messbar, effizient und hierarchisch organisiert werden musste. In dieser prägenden Phase entwarfen fast ausschließlich Männer die Strukturen der Arbeitswelt. Es ist nur folgerichtig, dass sich dadurch bestimmte Verhaltensweisen als „Erfolgseigenschaften“ zementierten: Dominanz, Durchsetzungsvermögen, ein linearer Aufstieg, emotionale Distanz und das Ideal des einsamen Einzelkämpfers.
Eigenschaften wie Empathie, Verletzlichkeit, Konsensfähigkeit und emotionale Intelligenz wurden stattdessen als „weiblich“ markiert und damit auch systematisch aus Erfolgsstrukturen ausgeschlossen.
Wenn wir uns heute an diese alten Strukturen anpassen, widersprechen wir dann nicht unserem Selbst? Wir behalten unsere echte Haltung für uns, um in ein Raster zu passen, das für uns so nie vorgesehen war. Die eigentliche Frage ist nicht, wie wir erfolgreich werden, sondern ob wir uns verbiegen oder gar aufgeben wollen, um uns in das bestehende System einzufügen und im traditionellen Sinne erfolgreich zu werden.
Die Wächterin in unserem Kopf
Warum fällt es vielen so schwer, sich nicht zu verstellen? Authentizität ist keine Modevokabel, sondern vielmehr eine Frage von Mut. Neben den äußeren Strukturen gibt es eine innere Architektur, die uns zurück- oder manchmal sogar gefangen hält: unsere Glaubenssätze.
„Ich muss perfekte Leistung zeigen, um erfolgreich zu sein.“ oder „Ich muss laut und stark sein, um ernst genommen zu werden.“
Diese Sätze haben ihren Ursprung oft in unserer Kindheit, gleichzeitig sind sie auch das Ergebnis von Strukturen, die uns über Jahrzehnte für Anpassung belohnt haben. Wer diese Sätze in unserem Kopf ausspricht, ist oft eine „innere Kritikerin“. Wie eine Wächterin schaut sie genau, ob wir uns an diese erlernten inneren Regeln halten. Sobald wir kurz davor sind, unsere Komfortzone zu verlassen – etwa indem wir eine mutige Forderung stellen oder unsere eigene Meinung vertreten –, schlägt sie Alarm: „Das schaffst du eh nicht“, „Es ist noch nicht gut genug“ oder „Was werden die anderen denken?“ Und dann flüchten wir. Entweder weichen wir dem Risiko des Scheiterns komplett aus und versuchen es erst gar nicht, oder wir flüchten uns in einen lähmenden Perfektionismus. Wir strengen uns noch mehr an, arbeiten noch härter und hoffen, dass niemand merkt, dass wir uns eigentlich unsicher fühlen.
Als wir im vergangenen November den Vortrag „Karriere auf deine Art“, auf dem dieser Artikel basiert, für die tekom-Tagung vorbereiteten, meldete sich auch unsere innere Kritikerin lautstark zu Wort: „Ist das für diese Branche wirklich professionell genug? Dürfen wir auf so einer Bühne so persönlich werden?“ Doch genau in diesem Moment haben wir uns entschieden, unsere eigene Haltung ernst zu nehmen. Wir haben uns verletzlich gezeigt – und das Feedback des Publikums hat uns bewiesen, dass genau diese Echtheit die tiefe Verbindung zu den Zuhörerinnen und Zuhörern erst möglich gemacht hat. Was würde also passieren, wenn wir die innere Kritikerin dauerhaft durch eine innere beste Freundin ersetzen? Wäre dies nicht der erste, radikale Schritt zu uns selbst?
Die geheime Superkraft
Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu uns selbst kann sein: über unsere Gedanken und Erfahrungen zu sprechen. Und damit geht etwas Entscheidendes einher, nämlich dass wir uns verletzlich zeigen.
Die US-amerikanische Professorin und Forscherin Brené Brown hat mit ihrem TED-Talk „The Power of Vulnerability“, den auf YouTube mittlerweile über 24 Millionen Menschen angesehen haben, das Thema Verletzlichkeit einem großen Publikum zugänglich gemacht. Verletzlichkeit ist kein Makel, sie ist der Ursprung von echter Verbindung. Brown sagt, wir sind biologisch darauf programmiert, mit anderen in Verbindung zu treten. Wenn wir jedoch das Gefühl haben, „nicht gut genug“ zu sein, entsteht Scham – die Urangst, die Verbindung zu verlieren und ausgeschlossen zu werden.
Echte Verbindung im Job entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ehrlichkeit, Zugänglichkeit und indem wir uns so zeigen, wie wir sind. Wie kommen wir also in Verbindung mit anderen? Zum Beispiel indem wir darüber sprechen, was uns zweifeln lässt, wo wir nicht weiterkommen und wobei wir Unterstützung brauchen. Indem wir ehrlich mit unserem Gegenüber sind und uns emotional angreifbar machen. Denn genau in diesem Moment erlauben wir unserem Gegenüber, uns so zu sehen, wie wir wirklich sind. Je weniger wir uns mit anderen austauschen, desto mehr glauben wir, wir wären die Einzigen mit diesen Gedanken, Problemen oder Zweifeln. Sich verletzlich zu zeigen, bedeutet also immer auch ein gewisses Maß an Unsicherheit und Risiko, weil wir nie wissen, wie eine Situation ausgehen wird. Aber das Risiko, dass wir uns selbst verlieren, wenn wir andere imitieren und uns anpassen, ist weitaus höher.
In der modernen Arbeitswelt findet sich dies im Konzept der „psychologischen Sicherheit“ wieder. Teams, in denen sich Mitglieder trauen, ihr wahres Ich zu zeigen, Risiken einzugehen und Fehler zuzugeben, sind nachweislich produktiver und innovativer. Warum also allein mit den eigenen Zweifeln bleiben, wenn wir durch das Teilen dieser Gedanken Brücken zu anderen bauen könnten?
Immer souverän bleiben
Doch wie setzen wir diese Haltung im Berufsalltag um? Nicht jedes Gespräch im beruflichen Kontext ist leicht zu führen. Ein viel zu häufig vernachlässigter Schritt ist die gute Vorbereitung. Wir müssen uns Zeit nehmen, um die eigenen Gedanken zu sortieren, uns selbst zu reflektieren und uns unserer Haltung bewusst zu werden. Was braucht es vom Gegenüber gerade? Wovon wollen wir diese Person überzeugen? Was würde ich selbst an ihrer Stelle brauchen, um mich gut zu verstehen?
Doch was passiert, wenn andere uns in einem Meeting überfahren, unter Druck setzen, oder wenn wir zu überrascht sind, um eine passende Antwort zu finden, die unsere Meinung wiedergibt? Nicht jede Situation lässt sich schließlich vorbereiten.
Dann dürfen wir das sagen.
Wir sollten aufhören, zu glauben, dass Professionalität bedeutet, auf alles sofort eine Antwort zu haben. Denn ist nicht genau das Gegenteil der Fall? Ist es nicht unprofessionell, einfach das Nächstbeste laut zu sagen, das uns gerade einfällt, nur um die Stille zu füllen?
Wie sieht diese Verletzlichkeit nun ganz konkret in einer Situation aus, die traditionell als „hart“ gilt, wie etwa einer Gehaltsverhandlung? Verletzlichkeit bedeutet hier nicht, in Tränen auszubrechen oder sich kleinzumachen. Es bedeutet zum Beispiel den Mut zu haben, authentisch zu benennen, wie es mir gerade geht. Ein einfacher Satz wie: „Ich bin ehrlich gesagt gerade etwas aufgeregt, weil mir dieses Gespräch sehr wichtig ist“ entwaffnet nicht nur uns selbst, sondern oft auch unser Gegenüber. Es holt die Verhandlung aus der Konfrontation auf eine echte, menschliche Ebene. Eine gute Verhandlung beginnt also nicht mit aggressiven Argumenten, sondern mit einer klaren, inneren Haltung.
Gehaltsverhandlung als Spiegel
Kaum eine Situation im Berufsleben ist so stark mit Glaubenssätzen aufgeladen wie die Gehaltsverhandlung. Es ist das schwierigste Gespräch des Jahres für viele, dem wir ausweichen, um die Harmonie nicht zu gefährden. Aber Schweigen signalisiert Zufriedenheit mit dem Status quo.
Es geht darum, Mut aufzubringen und das Risiko einer Zurückweisung einzugehen. Und auch hier können wir konkrete Schritte anwenden, um uns sicherer zu fühlen und mutiger zu werden …
- Verbündete suchen: Wem geht es ähnlich in Gehaltsverhandlungen? Welche Vorbereitung, welches Verhalten haben andere Kolleginnen als hilfreich erlebt?
- Sichtbarkeit statt falscher Bescheidenheit: Es geht nicht nur darum, eine Zahl zu nennen, sondern auch darum, die eigene Leistung sichtbar zu machen. Was bringe ich ein? Was macht mich besonders? Was würde dem Unternehmen, meinem Team fehlen, wenn ich nicht mehr da wäre?
- Perspektivwechsel: Was braucht mein Chef oder meine Chefin, um meine Position zu verstehen? Welche Informationen helfen ihm oder ihr, eine gute Entscheidung zu treffen? Je klarer ich mir selbst bin, desto überzeugender kann ich auftreten.
- Klare Erwartungen formulieren: Das ist oft der schwerste Teil. Erwartungen müssen nicht nur Gehalt sein. Möchte ich andere Aufgaben übernehmen? Welche Weiterbildung brauche ich? Wo möchte ich in drei Jahren stehen? Wer darauf wartet, dass das Gegenüber ein passendes Angebot errät, geht meist leer aus. Schließlich kann niemand unsere Gedanken lesen.
- Laut aussprechen und üben: Wenn ich etwas selten oder ungern tue, sollte ich es üben. Vertrauen Sie sich einer Kollegin oder Freunden an und spielen Sie das Gespräch durch. Das laute Aussprechen der eigenen Forderung nimmt ihr oft den Schrecken.
- Das Recht auf Bedenkzeit: Ich muss ein Angebot nicht direkt im Raum annehmen oder ablehnen. Ein souveräner Satz ist: „Vielen Dank für das Angebot. Ich werde mir das in Ruhe durch den Kopf gehen lassen und komme morgen mit einer Rückmeldung auf Sie zu.“ Das nimmt den akuten Druck aus der Situation.
Letztendlich zeigt sich in genau diesen Situationen sehr deutlich, wer wir sind und wofür wir stehen. Wir betrachten es so oft als eine unangenehme Situation, in der wir möglicherweise als undankbar oder arrogant wahrgenommen werden, in der wir kritisiert oder zurückgewiesen werden könnten. Aber wenn wir uns unserer Werte sicher sind, unsere Erwartungen kennen und uns vorbereiten, dann lässt sich die Perspektive auch leicht umdrehen. Mein Chef oder meine Chefin sieht auf einmal eine Mitarbeiterin, die für das einsteht, was ihr wichtig ist. Die sich professionell vorbereitet und argumentieren kann. Jemanden, der glaubwürdig und echt ist. Damit bleiben wir im Gedächtnis – nicht mit all den Momenten, in denen wir nur dem gefolgt sind, was andere sagen.
Die Gehaltsverhandlung hat das größte Potenzial für persönliches Wachstum. Weil wir uns auf dem Weg dorthin klar darüber werden müssen, wer wir sind und was uns wichtig ist. Wer sich gut vorbereitet, verhandelt nicht nur über Gehalt, sondern auch über das eigene Selbstbild.
Karriere auf unsere Art
Vielleicht ist Erfolg kein Weg nach oben auf einer starren Karriereleiter, die jemand anderes gebaut hat. Vielleicht ist er eher ein Weg nach innen – zu unseren eigenen Werten, unserer Haltung und unserer persönlichen Wahrheit.
Authentisch zu sein, ist kein Zustand, den man irgendwann „erreicht“. Es ist eine tägliche Entscheidung und ein lebenslanger Prozess. Echte Verbindung und nachhaltiger Einfluss entstehen nicht durch Macht oder Anpassung, sondern durch die Energie, die frei wird, wenn wir aufhören, jemand anderes sein zu müssen.
Und es ist keine Utopie. Es kann heute anfangen. Mit den Fragen, die wir uns selbst stellen und mit dem Mut, sie ehrlich zu beantworten. Jede von uns, die anfängt, aus den eigenen Werten heraus zu handeln, verändert etwas: in sich selbst, in ihrem Team, in der Kultur um sie herum. Und wer weiß – vielleicht werden wir so zu einem Vorbild, das andere ermutigt, es ebenfalls zu wagen.
Trauen Sie sich, unangepasst zu sein.
Weiterführende Literatur |
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